„DIE ZEIT WAR ZU KURZ.”

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Foto: Lohse

Ein Gespräch mit Dr. Sabine Lammers, “Eleonore-Trefftz”-Gastprofessorin an der TU Dresden am Institut für Kern- und Teilchenphysik im Wintersemester 2013/14

Sie waren für 6 Monate an der TU Dresden. Wie haben Sie Ihren Aufenthalt hier erlebt?

Die Zusammenarbeit mit den Kollegen am Institut für Kern- und Teilchenphysik war sehr fruchtbar und hilfreich für mich. Mit Prof. Kobel habe ich bereits vor meinem Aufenthalt im Rahmen des ATLAS-Experiments am CERN zusammengearbeitet und wir konnten ein gemeinsames Projekt nun hier vor Ort fortsetzen.
Ich bin jetzt mit den Gegebenheiten an der TU Dresden vertraut und habe die Mitglieder von Prof. Kobels Forschungsgruppe persönlich kennengelernt. Das macht es sehr viel leichter, Projekte fortzuführen, wenn ich wieder zurück an der Indiana University bin.

Als Trefftz-Gastprofessorin haben Sie sich im vergangenen Wintersemester auch an der Lehre beteiligt. Wie war das für Sie als Amerikanerin, an einer deutschen Hochschule zu unterrichten?

Es war zunächst sehr schwierig für mich aufgrund der Sprache. Ich kann mich ganz gut auf Deutsch verständigen, aber die sprachliche Interaktion mit den Studenten war eine große Herausforderung. Die Vorbereitung auf meine Lehrveranstaltungen hat deshalb auch sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Fachlich sind die Studenten hier ausgezeichnet! Sie verfolgen ihr Studium sehr zielgerichtet und wirkten auf mich sehr viel reifer als meine Studenten in Indiana. Die Arbeit mit ihnen war eine große Bereicherung für mich, besonders im Rahmen der Übungsgruppe, die ich geleitet habe.

Inwiefern unterscheidet sich der Unterricht in Deutschland von dem in den USA?

Die Struktur von Lehrveranstaltungen in den USA orientiert sich an der entsprechenden Fachliteratur, der Ablauf einer Vorlesung folgt also dem Kapitelablauf eines bestimmten Fachbuches. Die Vorlesungen hier werden vom Lehrenden selbst strukturiert, was natürlich sehr viel mehr Vorbereitungszeit erfordert, für mich umso mehr, weil ich das System hier nicht kannte und Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Aber für mich war das ein sehr gutes Training.
Begeistert war ich außerdem vom Ablauf der Übungsstunden. Es ist eine fantastische Vorbereitung auf das spätere Berufsleben, eine Aufgaben- oder Problemstellung vor der ganzen Gruppe zu präsentieren und gemeinsam zu diskutieren. Studenten in Amerika würden so etwas nicht machen. Vor Publikum zu sprechen ist für amerikanische Studenten eine extrem beängstigende Vorstellung. Das amerikanische Unterrichtssystem ist leider auch dementsprechend organisiert, es gibt beispielsweise keinerlei mündliche Prüfungen. Aber ich würde gerne versuchen, diese Art von Übungsstunde, wie ich sie hier kennengelernt habe, im Rahmen meiner Lehrtätigkeit in Indiana einzuführen.

Wie lautet Ihre persönliche Definition einer “erfolgreichen Karriere” als Frau in der Wissenschaft?

Erfolg heißt für mich, einer Arbeit nachzugehen, die ich gerne und mit Leidenschaft mache und an der ich wachsen kann. Erfolg in der Wissenschaft bedeutet, eine feste Stelle zu haben, die es mir ermöglicht, meiner Forschung dauerhaft nachzugehen. Das ist ein großes Privileg für einen Wissenschaftler. Und auch die Möglichkeit zu haben, Studenten etwas beizubringen, ist etwas ganz Tolles und eine Genugtuung für mich.
Als Frau spielt für mich aber auch eine sehr große Rolle, meinen Beruf mit der Familie vereinbaren zu können. Dazu bedarf es nicht nur institutioneller Unterstützung, sondern auch einer „Kultur“ der Unterstützung von Seiten der Kollegen und Vorgesetzten. Manchmal versteht nicht jeder, dass man als Mutter das Büro pünktlich um 17 Uhr verlassen muss. Dafür habe ich dann eben Besprechungen um 10 oder 11 Uhr abends. Flexibilität auf beiden Seiten ist das Wichtigste.

Sie sind mit der ganzen Familie nach Dresden gekommen, Ihrem Mann und Ihrem zweijährigen Sohn. Die TU Dresden als zertifizierte familiengerechte Hochschule bietet eine Reihe an Initiativen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie an. Haben Sie diese Angebote in Anspruch genommen?

Wir haben mehrmals den mobilen Babysitterservice des Campusbüro Uni mit Kind bzw. des Studentenwerks genutzt. Das ist eine wirklich tolle Initiative, die mir sehr geholfen hat, Arbeit und Familie kurzfristig und flexibel unter einen Hut zu bekommen. Ein solches Angebot kenne ich in der Form auch nicht von anderen Universitäten. Viel Unterstützung haben wir in den ersten Wochen auch vom Welcome Center bekommen, das uns bei der Suche nach einer Wohnung und einem Kita-Platz behilflich war. Das machte uns die Ankunft in Dresden sehr viel leichter.

Sie arbeiten in einer Disziplin, in der sehr wenige Frauen vertreten sind. Sehen Sie sich selbst als Vorbild für Studentinnen in Ihrem Fachbereich?

Diese Frage wird mir sehr oft gestellt und ich habe immer Probleme, „geschlechterspezifisch“ darauf zu antworten. Ich möchte ein Vorbild für alle Studierenden sein. Das Beste, was ich dafür tun kann ist, eine gute Physikerin zu sein. Darin unterscheide ich mich aber nicht von meinen männlichen Kollegen.

Was würden Sie Studentinnen raten, die ein naturwissenschaftliches Studium verfolgen?

Frauen und Männer haben grundsätzlich mit denselben Herausforderungen zu kämpfen, wenn sie sich zu einem naturwissenschaftlichen Studium entschließen. Und in erster Linie müssen sie es wirklich mögen und ihr Fach gerne studieren. Studentinnen und Studenten haben aber natürlich unterschiedliche Herangehensweisen und ich versuche, die Studentinnen darin zu bestärken, auf sich und ihre Fähigkeiten zu vertrauen und offen für positives und negatives Feedback zu sein.
In den Übungsstunden, die ich hier gehalten habe, fiel mir auf, dass die Studenten viel eher bereit dazu waren, ein Problem, das noch nicht fertig gedacht war oder dessen Lösung sie noch nicht erkannt hatten, in der Gruppe zu diskutieren. Den Studentinnen hingegen war es wichtig, perfekte Lösungswege parat zu haben, bevor sie das Problem in die Gruppe einbrachten. Wenn ich also speziell den Frauen in der Physik oder den Naturwissenschaften etwas raten müsste, würde ich nach meinen Erfahrungen hier sagen: Seid selbstbewusster. Habt keine Angst, Risiken einzugehen. Stellt Euch nicht ständig Fragen wie: Bin ich gut genug? Bin ich klug genug? Bin ich hier, weil ich in meinem Fach zu den Besten gehöre, oder um eine Quote zu erfüllen? Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Man muss bereit sein, auch Fehler zu machen, denn nur auf diese Weise lernt man und wird besser.

Würden Sie sagen, das Trefftz-Programm war ein hilfreicher Schritt auf Ihrem Karriereweg?

Ja, auf jeden Fall. Die Arbeit mit der Forschungsgruppe von Prof. Kobel hier vor Ort war ein wichtiger Schritt zur Fortsetzung unserer gemeinsamen Projekte. Durch meinen Lehrbeitrag hier an der TUD habe ich auch selbst sehr viel gelernt. Und die Gastprofessur ist prestigeträchtig und wird sicher einen positiven Effekt auf meine weitere Karriere haben.

Gibt es etwas, was Ihnen an der TU Dresden nicht gefallen hat?

Nur, dass die Zeit hier so schnell vorbei war. Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt, um an der TUD zu forschen und auch, um die Stadt und die Region besser kennenzulernen. Leider konnte ich nicht länger als für sechs Monate kommen, aber anderen Wissenschaftlern aus dem Ausland würde ich raten, mindestens ein Jahr zu bleiben.
Sabine Lammers stammt aus Chicago, USA, und ist als Assistenzprofessorin an der Indiana Universität in Bloomington, Indiana tätig. Sie erforscht die Struktur von Elementarteilchen, die mit Hilfe von Hochenergie-Experimenten an Teilchenbeschleunigern untersucht werden kann. 2004 promovierte sie an der Universität Wisconsin unter Beteiligung am ZEUS-Experiment des Deutschen Elektronen-Synchrotrons (DESY) in Hamburg. Außerdem ist sie Mitarbeiterin am ATLAS-Experiment des Europäischen Kernforschungszentrums CERN in Genf.

Das Interview führte Marlene Laube im Februar 2014.

Quellenangabe: http://tu-dresden.de/exzellenz/zukunftskonzept/gleichstellung/interview_lammers

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